Nach fast zehn Jahren an der Spitze des EuroAirports blickt Matthias Suhr auf eine bewegte Zeit zurück. Besonders prägend war die Corona-Pandemie, die den Flughafen vor enorme Herausforderungen stellte – doch trotz der Krise konnte der Betrieb aufrechterhalten werden, ohne staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen oder Mitarbeitende zu entlassen. Heute steht der EuroAirport finanziell gut da und setzt wichtige Impulse für eine nachhaltigere Luftfahrt und für die Verbesserung der Qualität für die Passagiere. Im Interview spricht Matthias Suhr über seine grössten Herausforderungen und die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und Umweltschutz.

Sie haben den EuroAirport seit 2015 geleitet – was war für Sie persönlich die grösste Herausforderung?
Sicherlich die Corona-Pandemie. Eine solch tiefgreifende Krise hat der Flughafen in seinen über 75 Jahren nicht erlebt. Am Flughafen arbeiten viele Menschen und sind von ihm abhängig. Wir haben es geschafft, unser Personal trotz aller Ungewissheiten zu halten. Und dies, obwohl wir keine besondere staatliche Unterstützung erhalten haben. Der Flughafen hat in dieser Pandemie durch den Transport von Medikamenten, Masken und Patienten zudem eine wichtige Rolle in der Bewältigung der Pandemie wahrgenommen.
Welche Entwicklung oder welches Projekt am EuroAirport erfüllt Sie mit besonderem Stolz?
Ich möchte nicht nur ein einzelnes Projekt hervorheben, es ist vielmehr die gesamte Entwicklung dieses einzigartigen Flughafens. Unsere Aufgabe ist es ja, die trinationale Region luftverkehrsmässig unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsgrundsätze optimal anzubinden. Ich denke, dass wir diese nicht ganz einfache Aufgabe sehr gut gemeistert haben.
Könnten Sie dies konkretisieren?
Gerne. Wir bieten heute ein attraktives Portfolio an Destinationen in Nord-, Mittel- und Osteuropa an, aber auch Langstreckenverbindungen nach Dubai und Montreal. Der auf Wirtschaftsschwankungen stark reagierende Frachtbereich ist heute dank einer vorausschauenden Infrastrukturplanung stabil. Mit der temperaturkontrollierten Frachthalle verfügen wir über eine moderne und für die Pharmabranche zentrale Infrastruktur. Und die am EuroAirport angesiedelten Unterhalts- und Ausstattungsbetriebe bilden die weltweit grösste Plattform in diesem Bereich. Und dies alles hier am EuroAirport! Auf diese Entwicklungen bin ich sehr stolz.
Die Pandemie hat die Luftfahrtbranche stark getroffen. Wie haben Sie diese Krise am EuroAirport bewältigt, und welche langfristigen Lehren haben Sie daraus gezogen?
Wir haben die Pandemie insgesamt sehr gut überwunden. Der Flughafen ist heute ausgezeichnet aufgestellt. Dank der Erholung des Verkehrs konnten wir wichtige Investitionen in die Flughafeninfrastruktur vornehmen. Dabei ist es mir wichtig, zu erwähnen, dass wir während der Krise keinerlei staatliche Beihilfen erhalten haben. Wir haben lediglich Kurzarbeitsentschädigungen von Frankreich und der Schweiz bezogen. Und: Wir mussten keine Mitarbeitenden entlassen. Dies war mir ein persönliches Anliegen, gerade in dieser schwierigen Zeit. Schliesslich kommen die allermeisten Mitarbeitenden aus der Region und sind mit dem Flughafen sehr verbunden.
Die Pandemie hat auch gezeigt, dass wir als Flughafen stark von unseren angestammten Geschäftsaktivitäten abhängig sind. Aus diesem Grund macht sich der EuroAirport Gedanken über die Entwicklung neuer Geschäftstätigkeiten, wie etwa im Bereich der erneuerbaren Energien.
Die Nachhaltigkeit spielt eine immer grössere Rolle im Luftverkehr. Welche Massnahmen haben Sie ergriffen, damit der Flughafen nachhaltiger wird?
Bei den Entscheidungen des Flughafens werden die drei Aspekte der nachhaltigen Entwicklung – Wirtschaft, Soziales und Umwelt – miteinbezogen. Bei der Umwelt legen wir ein besonderes Gewicht auf die Reduktion des Nachtfluglärms sowie auf die Reduktion des CO2-Fussabdrucks. In Bezug auf den Nachtfluglärm haben wir in den letzten Jahren Fortschritte erzielt. Dank des Verbots, Starts nach 23 Uhr zu planen, haben die Anzahl Flüge nach 23 Uhr stark abgenommen. Wurden vor der Pandemie in dieser Zeit 1535 Starts gezählt, so waren es im letzten Jahr 592. Noch sind wir damit nicht zufrieden. Da im Süden und Südwesten des Flughafens noch immer zu viel Nachtlärm verursacht wird, prüfen wir zusätzliche Massnahmen.
Für die CO2-Emissionen, welche wir als Flughafenbetreiber selbst verantworten und damit direkt beeinflussen können, haben wir uns ein ambitioniertes Ziel gesetzt: «Netto-Null-Emissionen» bis spätestens 2030.
Der EuroAirport verbindet drei Länder – welche Herausforderungen bringt diese besondere trinationale Struktur mit sich?
Der EuroAirport ist der weltweit einzige binationale Flughafen mit einem trinationalen Einzugsgebiet. Aus Sicht der Schweiz sind wir einer der drei Landesflughäfen, aus Sicht von Frankreich einer der grossen Regionalflughäfen. Der EuroAirport hat somit beiden Ansprüchen zu genügen, unter der grundsätzlichen Anwendung von französischem Recht. Das führt natürlich zu Herausforderungen. Gerade während der Pandemie wurde sichtbar, welche Auswirkungen unterschiedliche rechtliche Regelungen haben. So galten für Passagiere, die nach Frankreich reisten, teilweise äusserst restriktive Bedingungen, während Passagiere, die in die Schweiz reisten, problemlos nach Basel fahren konnten. Gleichzeitig ziehen wir auch Vorteile aus den unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Zum Beispiel können wir vom direkten Anschluss an das französische Autobahnnetz profitieren, wo im Gegensatz zur Schweiz kein Nachtfahrverbot für Lastwagen gilt. Dies ist ein grosser Vorteil in der Frachtabfertigung. Allgemein kann gesagt werden, dass wir im Tagesgeschäft meist pragmatische Lösungen finden.
Es gibt immer wieder Diskussionen über Lärmbelastung und Nachtflugbeschränkungen. Wie haben versucht, eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und Anwohneranliegen zu finden?
Der EuroAirport kann nur dann erfolgreich betrieben werden, wenn er auch von den Anwohnenden mehrheitlich akzeptiert wird. Die Einhaltung dieses Grundsatzes ist bei einem Flughafen, der in einem wenig besiedelten Gebiet gebaut wurde und heute als «Stadtflughafen» bezeichnet werden kann, nicht ganz einfach. Und dennoch sehen wir, dass der EuroAirport als regionaler Flughafen auch heute einen starken Rückhalt in seiner trinationalen Nachbarschaft hat. Das zeigt, dass die Balance zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft und Bevölkerung nach guten Flugverbindungen und den Anliegen nach Nachtruhe immer wieder gefunden wird.
Welche Weichen haben Sie für die Zukunft des EuroAirports gestellt, die auch nach ihrem Weggang relevant bleiben werden?
Ich verlasse einen Flughafen, der in einer finanziell ausgezeichneten Verfassung ist. Er verfügt über ein Netz von Flugdestinationen, das den Bedürfnissen der Region entsprechen. Die am EuroAirport angesiedelten Unternehmen sind wichtige Arbeitgeber und tragen zur Bedeutung des Flughafens als regionaler Wirtschaftsfaktor bei. Und der Frachtbereich kann sich dank der anpassungsfähigen Infrastruktur gut auf wirtschaftliche Veränderungen einstellen. Zudem ist es mir ein grosses Anliegen, dass die Qualität des Flughafens aus der Perspektive der Passagiere kontinuierlich verbessert wird. Der EuroAirport wurde bekanntlich nicht für das heutige Passagieraufkommen konzipiert. Die Fluggäste finden daher zu Spitzenzeiten nicht das Qualitätsniveau vor, welches sie von einem Flughafen dieser Bedeutung erwarten dürfen. Mit dem nun geplanten landseitigen Anbau an das bestehende Terminalgebäude werden wir die Qualität mittelfristig verbessern.
Der Flugverkehr steht wegen der steigenden Energiekosten, neuer Technologien und Umweltauflagen vor Veränderungen. Wie sehen Sie die Zukunft des EuroAirports in den nächsten zehn Jahren?
Der EuroAirport wird sich in den nächsten Jahren qualitätsmässig steigern; der Anbau an das bestehende Terminal ist der Anfang einer kontinuierlichen Verbesserung. Ich gehe davon aus, dass das Fliegen in zehn Jahren teurer sein wird. Die zunehmend strengeren Umweltauflagen werden dazu führen, dass wir die Themen Nachtfluglärm und CO2-Emissionen möglicherweise besser im Griff haben. Inwieweit die steigenden Kosten die Nachfrage beeinflussen, ist schwer vorherzusehen.
Was werden Sie am meisten vermissen?
Am meisten vermissen werde ich die Menschen. Die Mitarbeitenden, die mich in den letzten zehn Jahren unterstützt haben und die eigentlichen Verantwortlichen für den Erfolg dieses tollen Unternehmens sind. Vermissen werde ich auch unsere Partner, zu denen wir ein enges Verhältnis haben und gemeinsam fast immer zu guten Lösungen gelangen.
Wie sehen Ihre persönlichen Pläne aus?
Ich werde es ruhiger angehen lassen und Interessen nachgehen, für die ich in den letzten Jahren praktisch keine Zeit hatte. Und vielleicht werden Sie von mir zukünftig wieder hören, aber dann nicht als Direktor dieses wunderbaren Unternehmens EuroAirport.
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